Erstes Blasorchester-Symposion 2009

Erstes Blasorchester Symposion 2009

Vertreter sinfonischer Jugendblasorchester aus ganz Deutschland trafen sich am 24./25. Oktober in Offenbach. Mit Fachvorträgen, Workshops und der Präsentation neuer Kompositionen wurde erstmals bundesweit ein Diskurs zur sinfonischen Bläsermusik angestoßen. „Wir haben ein Netzwerk kompetenter und engagierter Kollegen geknüpft, von dem ein starker Impuls für eine anspruchsvolle Bläsermusik ausgeht“, so Dr. Ulrich Wüster, Generalsekretär der Jeunesses Musicales Deutschland. Der Jugendorchester-verband war gemeinsam mit der deutschen Sektion der WASBE (World Association of Symphonic Bands and Ensembles) Veranstalter des Symposions.

Das Themenspektrum der Workshops war mit Bezug auf die Praxis und entsprechend vielseitig konzipiert.

Arrangements

Jörg Murschinski, selbst als Arrangeur für den Laien- und Profibereich tätig, arbeitete anhand von Gershwins „Summertime“ die Bandbreite und Problematik von Arrangements heraus: Will man als „Purist“ dem Original so weit huldigen, dass die Klarinetten wie Streicher klingen, oder wählt man veritable Bearbeitungen, die den Aus-gangspunkt verändern und die spezifischen Möglichkeiten des Blasorchesters virtuos ausreizen? Eine Entscheidung, für die der Orchesterleiter eine Orientierung entwickeln muss.

Zeitgenössische Literatur

Clemens Berger, Vizepräsident der WASBE Deutschland, präsentierte eine Auswahl von leichterer zeitgenössischer Literatur, wobei er die gewählten Stücke gleichzeitig als Anschauungsobjekte für Beurteilungs-kriterien des Orchesterleiters abklopfte: Entsprechen sie den jeweils gegebenen Besetzungsmöglichkeiten, wie ist der Schwierigkeitsgrad, wecken sie Spielfreude, sind sie spannend und abwechslungsreich?

Dirigieren

Johannes Stert konfrontierte die Teilnehmer als früherer Kapellmeister der Oper Köln und Gastdirigent des WDR-Sinfonieorchesters mit frappant „anderen“ Ansichten vom Dirigieren. Mit seiner Devise „formend fordernd geschehen lassen“ ermutigte er zur Unterordnung aller Schlagtechnik unter das Postulat, dem Orchester während der Proben die Musik als solche zu vermitteln und auf Verstehen und Erkennen die Aufmerksamkeit und Motivation der Musiker zu entwickeln. Authentisch bleiben und nicht den Maestro spielen – was für eine Jeunesses-Position!

Brass Bands

Martin Schädlich und Claus-Peter Wittmann vermittelten einen Einblick in die Szene der Brass Bands als einer hoch spezialisierten Gruppe unter den Blasorchestern, die sich mit der orgelregisterartigen Besetzung eine eigene – bis heute über den aus der Heilsarmee-Wurzel her gepflegten Choral basierten – Klangkultur erarbeitet haben. Die Befürchtung, dass ihr Wachstumsbestreben eine Konkurrenz für die Sinfonischen Blasorchester bedeute, zeigte, wie wichtig die in einem gemeinsamen Netzwerk geführte Diskussion ist.

Mitverantwortung im Orchester

Welche tragende Rolle jugendliche Musiker für ihr Orchester nicht nur als Mitspieler spielen können, sondern auch als Mitorganisatoren, ließ Jens Kobe am Beispiel der Stüba-Philharmonie deutlich werden. In diesem von den Jugendlichen selbst verantworteten Orchester bedingt die Aufgabenteilung eine Mitverantwortung des Einzelnen, durch die Identifikation, Engagement und musikalischer Erfolg einander zuspielen. Ein Jeunesses-Musicales-Thema par excellence, dessen Umsetzung Jugendliche in ihrer Persönlichkeitsentwicklung stärkt und den Orchesterleiter enorm entlasten kann.

Komponistenportraits

Zwei diametral unterschiedliche Komponisten zum Anfassen gab es zum Schluss: Während Fabian Schmidt mit „Variationen über ein englisches Volkslied“ vor allem jungen Nachwuchsorchestern ein handwerklich gut gearbeitetes, eingängiges und abwechslungsreiches Stück mit garantiertem Publikumserfolg zu bieten hatte, bewies Axel Ruoff im fortgeschrittenen Bereich mit seinem klanglich-düsteren, kompositorisch dicht gearbeiteten Hornkonzert, dass Blasorchestern eine differenzierte und eigenständige Tonsprache möglich ist, die den Hörer fasziniert und substanziell anspricht.

taktlos – Radioaufzeichnung

Für hochkonzentrierte Spannung sorgte der Live-Mitschnitt der Radiosendung taktlos, dem Musikmagazin des Bayerischen Rundfunks und der Neuen Musikzeitung. Unter dem provozierenden Titel „Jenseits von Tuten und Blasen“ hatte Moderator Theo Geißler eine Runde kundiger Experten zu einer Talkrunde eingeladen. In der lebhaften und kontroversen Diskussion wurden gängige Vorurteile gegenüber Blasmusikensembles entkräftet und die Frage erörtert, wie sinfonische Blasorchester neue musikalische Spiel-Plätze erobern können.

Live Konzert

Satter Bläserklang erwartete Symposionsteilnehmer und Publikum am Abend im Capitol Theater in einem Konzert des Sinfonischen Blasorchesters Hessen. Haben Blasorchester einerseits mit einem weitgehenden, bis auf wenige punktuelle Ausnahmen eklatanten Fehlen „klassischer“ Literatur von all-bekannten Komponisten zu ringen, so inspiriert die Besetzung für ein reines Bläserorchester Komponisten andererseits zu besonders lautmalerischen Werken. Dies ließ sich im Programmheft an so sprechenden Werktiteln wie „Der Wind in den Weiden“, „Ferne Weite“ oder „Poème du Feu“ ablesen. Auf hohem musikalischen Niveau und mit enormer Spiellaune präsentierte das Sinfonische Blasorchester Hessen unter der Leitung von Walter Ratzek Meisterwerke u.a. von Johan de Meij und Charles Ives. Leider zeigte die Zahl des Publikums, wie schwer es die sinfonische Blasmusik als seriöses eigenständiges Genre beim Konzertpublikum offensichtlich hat. Hier ist noch viel Arbeit zu leisten, eine Arbeit, die vor Ort von zahlreichen engagierten Orchesterleitern und jungen Musikern mit viel Freude, Qualität und Einsatz in lohnende Ergebnisse umgemünzt wird und die die JMD durch das gemeinsame Netzwerk mit der WASBE wirkungsvoll unterstützen wird.

Letzte Änderung am Mo, 23.01.2012