Singen mit allen Sinnen
Der Internationale Opernkurs der Jeunesses Musicales Deutschland ist mit 130 Teilnehmern aus über 20 Ländern, unter anderem aus Deutschland, Norwegen, Brasilien, Südafrika und Japan ist der Opernkurs ein Magnet junger Gesangstalente. Auswahlvorsingen und Kurs sind geprägt von einem vertrauensvollen Umgang. Im Interview spricht Patrick Bialdyga, Leiter des Internationalen Opernkurses, über Luxus in Weikersheim, Neugier und intensives Training.
Herr Bialdyga, Sie arbeiten als Regisseur unter anderem für die Neuköllner Oper oder das Theater Dortmund. Was zieht sie immer wieder nach Weikersheim?
Es ist die Aura des Ortes: Ein Ort voller Musik und voller Erinnerungen für mich. Es ist die Familie der Jeunesses, angefangen vom Generalsekretariat bis hin zu all den Leuten, die über Jahre Oper gemacht haben, die ich kennen gelernt und von denen ich gelernt habe. In Weikersheim kommen Leute zusammen, die Oper pur machen wollen. Das ist anders, als wenn man an einer Hochschule oder an einem Opernhaus ein Stück erarbeitet. Man lebt 24h Oper. Orchester, Chor, Dramaturgen, Pressearbeit, Betriebsbüro,Organisation, Kursleitung, Regisseur – dass man mit all diesen Leuten aus unterschiedlichen Disziplinen, die die Oper am Ende zum Gesamtkunstwerk machen, zusammen lebt, isst, schläft, spielt und trinkt, das gibt es im realen Theater nicht. Das gibt es vielleicht bei einem Festspiel, aber doch sehr viel abstrakter und mit dem ganzen Starkult. Hier ist jeder gleich wichtig.
Während des Opernkurses arbeiten Sie intensiv mit den Sängern. Wie würden Sie das Verhältnis von Dozenten und Teilnehmern beschreiben?
Wir versuchen die Teilnehmer zu begeistern und etwas von unserem Wissen und unserem Verständnis von Oper weiterzugeben – und von unseren Idealismus! Umgekehrt bekommen wir von den Sängern sehr viel Energie, Wissensdurst und Begeisterung wieder zurück. Früher als Assistent war ich Teil dieses energetischen Prozesses an der Basis. Heute von der Kursleiterposition und auch von der Position des Regisseurs aus ist es natürlich mehr ein Geben, fachlich und emotional. Im Kurs sind alle berührt von Oper, ergriffen davon, und das lebt man dann einfach aus. Junge Sänger sind oft so pur. Die machen sich zwar furchtbar viele Gedanken – auch verquaste Gedanken – darüber, was sie können und wie die Opernwelt aussieht, aber das inspiriert ungemein. Auf der anderen Seite stutzen wir die jungen Sänger während des Kurses auch ein bisschen zurecht. Oper bedeutet Arbeit und Disziplin.
Was unterscheidet die Vorsingen hier von einem Vorsingen oder einer Audition in einem Opernhaus?
Unser ganzes Projekt ist ein Kurs, in dem nicht nur einfach Oper geprobt wird. Die
Sänger zum Beispiel werden in unterschiedlichen Disziplinen unterrichtet: Körperbewegung, Gesangstechnik, Repetition, Erarbeiten eines Regiekonzeptes, Kritik nach einer Aufführung von den Assistenten, wie läuft eine Aufführung ab und so weiter. Der Vorsing-Workshop ist also eine Präparation für all das, was in der Oper von einem Sänger verlangt wird und von außen an ihn herangetragen wird, ein Schnupperkurs. Verglichen mit einem Vorsingen im Theater ist das hier Luxus, steht der Jeunesses aber gerade gut.
Was erarbeiten sie mit den Teilnehmern?
Oper machen bedeutet, eine heterogene Truppe, die sich nicht kennt, in kürzester Zeit aufeinander einzuschwören. Wir trainieren deshalb körperliche und sensitive Fähigkeiten, auch ohne dass die Teilnehmer dabei ihre Stimme einsetzen. Unsere Choreographin etwa macht Koordinationsbewegungen mit dem Körper. Wie funktionieren Hände, Körper und Füße? Wie entkrampfe ich mich? Wie bewege ich mich? Wie werde ich meines Körpers bewusst? Auf der Opernbühne miteinander spielen bedeutet, dem anderen nicht auf die Hände zu treten, seinen Kopf nicht zu stoßen, ihn wahrzunehmen über Körper- und Augenkontakt. Der Workshop ist sehr stark eine sehr physische Erfahrung für die Sänger, nicht nur eine Verstandessache.
Wie wichtig sind die darstellerischen Fähigkeiten der Sänger?
In einer Spieloper wie den „Lustigen Weibern von Windsor“ sind gesprochene Dialoge das A und O, denn sie erklären die Handlung, während die Arien und Duette, Ausdruck der Emotionen sind. Das gesprochene Wort muss glasklar zu verstehen sein. Dialogproben sind deshalb ein wichtiger Bestandteil des Workshops. Wie sprechen die Leute, was haben sie für eine sprachliche Sensitivität, und wie souverän gehen sie mit einem Text um, den sie 10 Minuten vorher in die Hand gedrückt bekommen haben? Zu jeder Arie lassen sich szenische Aufgaben stellen, an denen wir sehen, wie ein Sänger mit der Musik arbeitet, und ob er auch gegen das musikalische Tempo arbeiten kann. Ist er flexibel und kann sich auch einmal völlig frei von der Musik bewegen und alles Mögliche nebenher machen?
Weshalb diese große Bandbreite an Übungen?
All das sind Tests, Arbeitsproben gewissermaßen. Vielfach meinen Sänger im Opernhaus, gerade im Anfangsengagement: „Ich bin hier, weil ich eine tolle Stimme habe, alles andere ist egal. Und in zwei Jahren sing ich an der Met.“ Solche Allüren haben in Weikersheim keinen Platz. Wir als Pädagogen müssen uns eine Meinung bilden, wer die Qualifikationen mitbringt, auf verschiedenen Gebieten neugierig zu sein. In einem Vorsingworkshop, kann man interdisziplinär sehen und entscheiden, welche Qualitäten ein Sänger hat, und was ihn bei der Oper interessiert. Hat er den Tunnelblick oder lässt er sich in kurzer Zeit, auf all das ein, was man ihm anbietet?
Darüber, wer auf der Weikersheimer Opernbühne eine Rolle bekommt, entscheidet
also nicht allein das Vorsingen?
In der Tat: Das Singen ist zwar ein wichtiger, aber ein kleiner ein kleiner Prozentsatz dessen, was wir mit den Sängern erarbeiten. Wie ja auch bei einer Opernaufführung der Gesang immer nur ein Teil ist. Das Vorsingen entscheidet nie ausschließlich und oft in der Bestätigung dessen, was wir im Workshop herausbekommen haben. Die Entscheidung verdichtet sich. Im Laufe der gemeinsamen Arbeit entwickelt sich innerhalb des Leitungsteams ein intuitives Verstehen und eine gemeinsame Sprache. Worauf hört der Regisseur? Was mag die Choreographin? Worauf hat die Gesangspädagogin während des ganzen Workshops geachtet? Der Dirigent hat noch einmal eine ganz eigene, primär musikalische Interpretationsvorstellung. Am Ende werden in einem demokratischen Prozess diejenigen Sänger ausgewählt, die alle im Team mittragen, und die einem differenzierten Qualitätsurteil standhalten.
Vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Käthe Bildstein.
Patrick Bialdyga
arbeitet als freier Regisseur unter anderem für die Oper Neukölln und die Theater Dortmund und Erfurt. 2001 inszenierte er „La Bohème“ von G. Puccini an der Jungen Oper Schloss Weikersheim. Seit 2007 ist Bialdyga Kurs- und Produktionsleiter des Internationalen Opernkurses der Jeunesses Musicales Deutschland.
