Festrede Benjamin Schweitzer
(...) Stellen Sie sich vor, Sie sind so etwa 15 Jahre alt und komponieren – oder versuchen es zumindest. Leider gibt es in Ihrem Umkreis praktisch niemanden, mit dem Sie sich darüber wirklich austauschen können. Doch eines Tages sehen Sie am Schwarzen Brett vor dem Musikraum Ihrer Schule eine Ausschreibung für einen Kompositionskurs in einem Ihnen bis dahin unbekannten kleinen Ort in Süddeutschland – zum Glück während der Schulferien, und zu noch größerem Glück wird Ihre Bewerbung berücksichtigt.
Ernsthafte Auseinandersetzung
Plötzlich finden Sie sich für eine Woche an einem Ort mit Menschen, für die es nichts Selbstverständlicheres gibt als Komponieren. Sie können mit Gleichaltrigen über Ihre Ideen, Erfahrungen, Vorstellungen diskutieren, Ihre Arbeit und ihr Können einordnen. Die Dozenten – erfolgreiche, erfahrene Komponisten, meist Professoren von Musikhochschulen – befassen sich ernsthaft, sachlich, fachgerecht und unvoreingenommen mit Ihren Stücken und Ideen, stellen ihre eigene Arbeit und Werke anderer Komponisten vor. Das große Tischkarree, an dem Teilnehmer und Dozenten sitzen, füllt sich, den Schichten Trojas gleich, mit Noten und Notizen. Professionelle Musiker proben und spielen Ihre Wettbewerbskompositionen wie „richtige Musik“ – trotz der knappen Probenzeit und mancher Ungeschicklichkeiten in der Notation oder schlichter Unspielbarkeiten. Sie dürfen vielleicht zum ersten Mal hören und erleben, wie Ihre Musik im Konzert klingt und zum Applaus auf die Bühne, ob Sie wollen oder nicht. Mit dem täglichen Unterrichtsende ist noch lange nicht Schluss: Abends und nachts wird weiter zusammengesessen, diskutiert, Musik gehört; die Intensität der Arbeit führt zusammen mit dem Schlafmangel bisweilen fast zu einem überkonzentrierten, tranceartigen Zustand. In einer Woche lernen, erfahren und verwerfen Sie mehr als sonst in Monaten, der Kurs ist ein Schub für Ihre künstlerische Entwicklung.Die intensive Auseinandersetzung, gerade und vor allem mit Gleichaltrigen, und das Verständnis für das eigene Tun, das man hier findet, ist in dieser Form einmalig und unersetzlich.
Stilistische Bandbreite
Aus gutem pädagogischen Grund versammeln die Kurse eine große Bandbreite an Alter, Fähigkeiten und stilistischen Ausrichtungen. Auch der Umgang mit diesem Spektrum, so habe ich das jedenfalls erlebt, ist von einer Toleranz und Offenheit geprägt, die sich in den „Karrierebastelstuben“ der professionellen Kompositionsausbildung oft rasch verliert. Dabei geht es ästhetisch und didaktisch auch in Weikersheim durchaus zur Sache. Dennoch wird hier der Rachmaninoff-Epigone wie der Nachwuchsdadaist, die hinter krakeliger Notenschrift verborgene Erstlingsbegabung wie die im ausgefeilten Computersatz polierte Hardcore-Avantgardestudie jeweils vor dem Hintergrund der individuellen Situation und Möglichkeiten behandelt. Dieses Prinzip scheint mir das Geheimnis dessen zu sein, dass so viele Kursteilnehmer auch und gerade voneinander lernen konnten, und sich daraus manche kollegiale Freundschaft entwickelt hat, die bis heute hält.
Zukunftsgestaltung
Aber die Bedeutung der Weikersheimer Kurse geht über diese individuelle Seite sicher weit hinaus – sie sind Teil jenes Netzwerks von Begabungsförderung, das wir im Interesse unserer Zukunftsgestaltung erhalten und intensivieren müssen. Zu einer hochspezialisierten Gesellschaft gehören Kenntnisse und Fähigkeiten, deren Nutzen sich oft erst auf lange Sicht offenbart. So, wie wir einen talentierte Mathematiker fördern, der vielleicht eines Tages das achte Hilbertsche Problem löst, oder eine tüchtige Dreispringerin, die irgendwann einen neuen Rekord aufstellt, so müssen auch Komponisten gefördert werden, auch wenn, nein: gerade weil nicht jeder gleich versteht, wozu das dienen soll. Die Begabung, aus sich heraus neue, ungehörte Klänge zu formen, also: zu komponieren, gehört zu jenen Talenten, die nicht so ohne weiteres ans Licht drängen und oft nicht gleich das Umfeld finden, in dem sie gedeihen können. Um solche Begabungen aufzuspüren und zu fördern, muss man ein wenig Aufwand treiben, aber es lohnt sich.
Die Kompositionskurse in Weikersheim sind einer der vielen Mosaiksteine in dem Komplex, den wir unsere Kultur nennen. Sie sind eine im besten Sinne des Wortes elitäre Einrichtung, indem sie, wie viele andere Einrichtungen in anderen Bereichen, entscheidend dazu beitragen, die jeweils Begabtesten auf ihrem Gebiet zu fördern oder überhaupt erst auf dieses, ihr ureigenes, Gebiet zu führen. Das haben sie bisher erfolgreich getan, und das möge ihnen auch in der Zukunft ermöglicht werden.
Fotos der Festveranstaltung
Komponisten aus ganz Deutschland fühlen sich der Kompositionswerkstatt verbunden und feierten gemeinsam.
> zur Fotogalerie
Jenseits der Toten Hosen
Lesen Sie hier einige Stimmen ehemaliger Wettbewerbsteilnehmer und heute etablierter Komponisten
> über die Kompositionswerkstatt

