Inspiration und Tonwerkzeug

Beim „Bundeswettbewerb Komposition“ der Jeunesses Musicales Deutschland sind frische Ideen und musikalische Einfälle gefragt. Martin Christoph Redel, Professor an der Hochschule für Musik in Detmold, ist Gründer und künstlerischer Leiter der Kompositionswerkstatt. Er bringt den Nachwuchskomponisten das technische
Handwerkszeug bei und bestärkt sie darin, ihre Ideen weiter zu entwickeln und in Noten zu übersetzen. Die Arbeit mit den Jugendlichen ist für ihn jedes Jahr aufs Neue spannend.

Herr Redel, in der Kompositionswerkstatt sind Sie direkt am musikalischen Puls der
Zeit. In welchem Stil komponieren junge Leute?


Diese Frage geht sehr eng mit dem Alter und den musikalischen Erfahrungen der Jugendlichen einher. Die Jüngeren schreiben mehr noch in traditionellen Stilen oder versuchen, in der Art ihrer Lieblings-Songs etwas zu komponieren. In atonale Bereiche stoßen dann eher erst die etwa 16-Jährigen vor, wobei dies ja nicht unbedingt ein Kriterium für musikalische Qualität sein muss. Denn selbstverständlich erkennen wir kompositorische Qualität in überlieferten Stilen ebenso an wie die Auseinandersetzung mit wirklich neuen oder experimentellen Klängen und Ideen.

Wie wird aus einer musikalischen Idee eine Komposition? Übernimmt das heute alles ein Computerprogramm?

Dies ist eine auch für Fortgeschrittene schwierige Frage. Denn: Eine Idee zu haben ist nicht unbedingt schwierig. Aber aus einer Idee eine Komposition werden zu lassen, ist ja der eigentliche schöpferische Prozess. Die bloße Aneinanderreihung unterschiedlicher Ideen ist – nach meinem Verständnis – noch nicht wirklich eine Komposition, und darauf machen wir in den Kompositionswerkstätten auch immer wieder aufmerksam. Gelegentlich nehmen wir eine Idee eines Teilnehmers und versuchen gemeinsam, die Weiterentwicklungsmöglichkeiten dieser Idee zu beleuchten. Computerprogramme akzeptieren wir bestenfalls als „Notenschreibmaschine“. Vermeintlich kompositorische Arbeit an Keyboard und Computer verdirbt den Sinn für die individuellen Klanglichkeiten der Instrumente und ihrer Kombinationsmöglichkeiten.

Wie sieht die Arbeit in der Kompositionswerkstatt konkret aus?

Es ist eine bunte Mischung aus diversen Arbeitsprozessen unterschiedlicher Inhalte.
Natürlich steht die Besprechung der Teilnehmerkompositionen anhand der von einem hoch qualifizierten Ensemble eingespielten CD-Aufnahme im Zentrum der Werkstatt. Aus diesen Erörterungen ergeben sich eine Vielzahl sekundärer Fragestellungen zu Themen wie Form, Instrumentation, Ästhetik etc. etc.! Des weiteren werden auch konkrete Aufgaben erteilt, die im Verlauf der Woche angefertigt werden, wie z.B. Instrumentationsübungen, die dann entweder von den Teilnehmern selbst (auf mitgebrachten Instrumenten) oder von dem bereits erwähnten Ensemble ausprobiert werden. Chorsingen gehört genauso zum Kursprogramm wie gemeinsames Improvisieren und handwerkliche „Übungen“ zu Fragen von Harmonielehre, Kontrapunkt, Zwölftontechnik oder Aleatorik.

Alle Teilnehmer spielen selbst ein Instrument. Sind ihre ‚Tonwerkzeuge’ für die
Jugendlichen Inspiration zu neuen Klängen?


Selbstverständlich ist das eigene Instrument für jeden komponierenden Jugendlichen eine der ersten „Inspirationsquellen“, denn die ersten Stücke schreibt man zumeist für sich selbst. Die Frage, ob man dabei zu neuen Klängen kommt (oder kommen möchte) ist von der Neugierde jedes Jugendlichen abhängig. Dem einen genügt es, in herkömmlichen Bahnen zu verbleiben, der andere möchte bisherige Grenzen überschreiten.

Wie erleben es die jungen Komponisten, dass ihre Werke von professionellen Musikern auf CD eingespielt und im Konzert aufgeführt werden?

Zumeist sind die Jugendlichen recht stolz und glücklich, ihr Werk, von dem sie oft doch nur eine begrenzte Klangvorstellung hatten, real erklingen zu hören. Dass es auch „Überraschungen“ gibt, indem nämlich manches nicht so klingt, wie erhofft, dies gehört zur Erfahrungssammlung eines jeden jungen Komponisten unbedingt dazu und hilft – im Gegensatz zum Computer! – die Klangvorstellung schärfen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Käthe Bildstein.

 

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Letzte Änderung am Mi, 25.01.2012