Die Teilnehmenden reflektierten eigene Erfahrungen als Mitspieler*innen und Orchesterleiter*innen und wie diese ihre Art, das Orchester zu führen, bewusst oder unbewusst prägen: Individuelle musikalische Vorbilder wie Instrumentallehrer*innen oder Orchesterleiter*innen in der Jugendzeit, Musikpädagogen*innen an (Hoch-)Schulen oder berühmte Dirigent*innen, aber auch Impulse aus Philosophie und Ethik. Kurz gesagt, um die Perspektive „Auf der anderen Seite des Pults sind auch Menschen“, wie es eine Teilnehmerin formulierte. Auch Aspekte wie eine stabile Körperhaltung und das nachhaltige Durchsetzen von Orchesterregeln, das Aufzeigen von Grenzen und Reaktionen auf unangemessenes Verhalten während der Proben wurde thematisiert. Moderiert von Lisa Sohm und Ulrich Wüster sammelten die Teilnehmenden Einflussfaktoren in ihrer Führung, und filterten die Aspekte heraus, die sie für sich selbst und ihre Arbeit als positiv empfanden. Aus persönlicher Sicht als Orchesterleiter des JSO Stuttgart gab Alexander Adiarte einen Überblick über verschiedene Rollen, die ein*e Orchesterleiter*in annehmen kann, und deren Wirkung.
Eigene Werte und die Wünsche "der Anderen"
Welche inneren Werte geben meine Richtung vor, bestimmen mein Handeln? Mit Übungen und im Austausch mit den anderen suchten die Teilnehmenden Klarheit über ihren "inneren Kompass" zu gewinnen. Im Umkehrschluss war es für die Teilnehmenden auch eine wichtige Erkenntnis, dass sich Frust und Unmut festsetzen, wenn ein Gegenüber ihre Überzeugungen verletzt (Bsp. Pünktlichkeit) und ihr innerer Kompass unter Spannung gerät. Mit dem Wissen um den Grund der Irritation lässt sich ein anderer Umgang auch mit solchen Situationen finden. Als weitere Orientierungsgröße identifizierten die Teilnehmer*innen konkrete Ziele für ihre Orchesterarbeit, sowohl kurzfristige Probenziele, als auch langfristige Perspektiven. Hierbei spielt die Frage nach der potenziellen Motivation der Jugendlichen und nach deren Wünsche und Vorstellungen eine wichtige Rolle. Eine souveräne Führungspersönlichkeit kann die Dynamik im Orchester bewusst als eine lebendige Austauschbeziehung mit den Musiker*innen steuern und diese beflügeln.
Anstoß, Veränderung zu gestalten
Um diese Austauschbeziehung konkret zu fassen und eine solide Basis für die Weiterentwicklung im Orchester zu sichern, entwarfen die teilnehmenden Leiter*innen für sich und ihr Orchester einen sogenannten "Zusicherungsvertrag". Sie gingen damit den für Veränderung entscheidenden Schritt weiter: Raus aus dem Ungefähren und dem vagen Wunsch "Es soll anders werden" und stattdessen miteinander Ziele aushandeln und benennen. Ganz konkret. Ein solcher Vertrag kann beispielsweise die gemeinsame Freude in den Proben oder das Übeverhalten vor Konzerten zum Gegenstand haben, und die gegenseitigen Beiträge zum Gelingen sowie Konsequenzen bei Nichteinhaltung, etwa bei unentschuldigtem Fehlen, regeln. Der oder die Orchesterleiter*in als führende Person und die Jugendlichen verständigen sich darauf, wie die Arbeit künftig von allen gemeinsam gestaltet werden soll und verpflichten sich dazu. Und je konkreter sich beide Seiten klar darüber sind, was ihre Motivation ist, und warum sie im Orchester miteinander arbeiten wollen, desto attraktiver kann Jugendorchesterarbeit werden.
Durch intensive Selbstreflexion und den Einsatz wirkungsvoller Methoden erschlossen sich die Kolleg*innen im Seminar neue Wege, ihren eigenen Stil zu prägen und ihre persönliche Antriebskraft zum Schlüssel für den eigenen Erfolg und den ihres Orchesters zu machen. Sie haben sich damit die Grundlage und zugleich den Anlass erarbeitet, mit den Mitgliedern ihres Orchesters in einen vertieften Austausch zu treten – mit dem Ziel, eine individuelle Orchesterkultur zu entwickeln, in der eine motivierende Führungspersönlichkeit auf begeisterte Zustimmung stößt.